Kapitel 3 - Von New York nach Washington
New York, die großartige und imponierende Stadt, besitzt noch immer keinen einigermaßen ausständigen Bahnhof. Die Zumutungen, die die verschiedenen Eisenbahndirektionen an die Genügsamkeit des Publikums stellt, sind stark. Die Räumlichkeiten, in denen das Gepäck aufgegeben wird, die Wartesäle u.s.w. sind von jämmerlicher Beschaffenheit.
Ein jedes Land hat unzweifelhaft nicht bloß die Regierung, die es verdient, sondern auch die Einrichtungen im Allgemeinen; das Wohnen, Essen, die Bedingungen des Verkehrs passen sich sicherlich den verschiedenen Bedürfnissen der verschiedenen Länder am zweckmäßigsten an. Wenn bei uns die Eisenbahnwagen in kleine Coupé zerlegt sind, so entspricht das fraglos unseren Neigungen. Wir suchen auf dem Wege, den wir auf den Schienen zurückzulegen haben, keine Geselligkeit. Wir preisen es sogar als eine glückliche Fügung, wenn wir womöglich auf dem ganzen Wege in unserem Coupé alleine bleiben und betrachten Mürrischerweise eigentlich jeden später eintretenden Fahrgast als einen unberechtigten Eindringling, der uns im wohlerworbenen Alleinbesitz des Coupé stört. Auch im schlimmsten Falle haben wir nur verhältnismäßig wenig Personen zur Gesellschaft. In einem engen Coupé ist für alle Fälle genügend Raum, um ohne irgendwelche Behelligung unser Landgepäck, sogar von beträchtlichen Umfange, unterbringen zu können.
Bei der ungeheuren Ausdehnung des amerikanischen Festlandes und den großen Strecken, welche die Reisenden dort zurückzulegen pflegen, scheint unser Ansinnen der egoistischen Anforderung nicht das Richtige zu sein. Die Amerikaner fahren gern in größerer Gesellschaft. Sie bekümmern sich natürlich um ihre Reisegefährten so gut wie gar nicht, aber es scheint ihnen angenehm zu sein, auf dem oft langen Wege, der unter Umständen mehrere Tage und Nächte in Anspruch nimmt, Leute um sich zu haben. Außerdem macht sich auf diesen langen Strecken das Bedürfnis geltend, sich ein wenig Bewegung zu verschaffen. Wir sitzen fest eingepresst in unserem engen Coupé und können uns nicht vom Flecke rühren. Die großen amerikanischen Wagen sind, wie dies ja auch schon auf einige Strecken in Deutschland bei sogenannten gehenden Wagen eingeführt worden ist, so eingerichtet, dass in der Mitte ein Gang frei bleibt, dass der Übergang von einem Wagen zum anderen überbrückt ist und das man also auch während der Fahrt von einem Ende des Zuges zum anderen gehen und auf der Plattform frische Luft schöpfen kann.
Die gewöhnlichen von der Eisenbahn gestellten amerikanischen Wagen, die dem Lande der Demokratie keine Klassenverschiedenheit aufweist, sind zwar ganz anständig, aber keineswegs besser als die unsrigen. So eine Art von Zwischending zwischen zweiter und dritter Klasse. Einen Vorzug haben diese Wagen unbedingt vor den unsrigen: sie sind viel fester, aus viel besseren und widerstandsfähigerem Material konstruiert, deshalb aber auch natürlich viel schwerer. Bei Eisenbahnunfällen haben sich diese Wagen immer in großartiger Weise bewährt.
Jeder einigermaßen Begüterte verschmäht aber diese gewöhnlichen Eisenbahnwagen und benutzt die von Privatgesellschaften eingestellten. Unter diesem stehen die Pullmanschen Gesellschaft obenan. Die Pullman – Wagen sind mit großartigem Luxus und in prächtiger Eleganz ausgestattet. Das dazu verwandte Material, die Holzarbeiten, das Stoffliche, die Metallarbeiten, alles das ist von unübertrefflicher Qualität. Auf den behaglichen Sesseln, die auf ihrer breiten Basis verstellbar und drehbar sind, sitzt man so bequem wie nur möglich und die Amerikaner haben ganz recht, wenn sie sagen, dass in den alten Europa kein Eisenbahnwagen gefunden werden könne, der sich auch nur annähernd an Kostbarkeit, Geschmack und Solidität der Ausstattung mit diesen Pullman – Wagen vergleichen ließe.
Die Wagen haben jedoch in den Augen der Europäer auch ihre Schattenseiten, unter denen die genügsamen Amerikaner anscheinend gar nicht zu leiden haben. Für die Unterbringung des Landgepäcks ist eigentlich gar kein Raum vorhanden. Der normale altweltliche Reisende, namentlich der Deutsche, tut’s ja nie unter zwei bis drei Stück Handgepäck, eine ziemlich umfangreiche Tasche oder der kleine Landkoffer, die Kleiderrolle und sonst noch irgend ein Karton mit geheimnisvollen Inhalt bilden bei uns die regelmäßige Begleitung des Reisenden in seinem Coupé. Der Amerikaner kommt mit seinem ganz kleinen Reisetäschchen aus Alligator vollkommen aus und gerade dafür, aber auch für nicht mehr, ist in den Pullman – Wagen der erforderliche Platz geschaffen.
Uns ist es nun überhaupt unangenehm, auf der Fahrt mit ein paar Dutzend gleichgültigen Menschen in demselben Raum zusammen zu sein und die erzwungene Gemeinsamkeit in einem großen rollenden Saale hat Unannehmlichkeiten, die uns höchst lästig sind. Auf individuelle Neigungen kann bei dieser Kasernierung natürlich keine Rücksicht genommen werden. Bei uns werden nach vorheriger Verständigung mit den paar Mitreisenden die Fenster nach Belieben geöffnet oder geschlossen, die Heizungsvorkehrungen benutzt oder abgestellt, die Lampen verdunkelt oder nicht, gerade wie es in den Wünschen des Reisenden liegt, der in seinem Coupe entweder allein und unbeschränkter Herr ist, aber der doch fast in allen Fällen auf ein freundliches Entgegenkommen der geringen Zahl der Mitreisenden rechnen darf. Davon kann bei dem amerikanischen Osten der Massenvereinigung der Reisenden in demselben Raume natürlich nicht die Rede sein. Hier muss ein Durchschnittsmaß der Bedürfnisse und Wünsche angenommen werden und jede individuelle Regung wird durch die Rücksicht auf das Allgemeine erstickt. Der farbige Wagendiener entscheidet aus eigener Machtvollkommenheit darüber, wann die Luftlappen oben zu öffnen sind und wann sie geschlossen werden sollen. Die Fenster dürfen überhaupt nicht aufgemacht werden. Er bringt das Coupé im Winter auf den Wärmegrad, der ihm der Angenehmste ist und stellt die Heizung ab, wenn es ihm gut dünkt. Hält er es für richtig, durch den Wagen einen frischen Zugwind streichen zu lassen, so tut er es. Dünkt ihn hermetische Absperrung angemessen, so ist jeder Protest dagegen nutzlos.
Es versteht sich ganz von selbst, dass in diesen großen Wagen nicht geraucht werden darf. Das Schicksal der Raucher ist in Amerika überhaupt beklagenswert. Nicht einmal auf Fluren und in eleganten Foyers der vornehmen Hotels darf geraucht werden. Die Raucher werden überall in besonders für sie hergerichtete Räume zusammengeworfen und diese Räume zeichnen sich überall durch Unsauberkeit und Ungemütlichkeit in unvorteilhaftesten Weise aus. Die besonderen Rauchwagen in den Zügen sind ganz schauderhaft und wenn man es da nur zehn Minuten aushalten will, muss die Leidenschaft schon ganz bedenkliche Verhältnisse angenommen haben. In dem verhältnismäßig kleinen Raum sind etwa vierundzwanzig passende Individuen zusammengepfercht. Die Ventilation ist vollkommen ungenügend. Es ist eine Temperatur, dass Einem Hören und Sehen vergeht. Dazu kommt noch die süße, scharfe, penetrante Geruch der amerikanischen Zigaretten und vor Allem die schauderhafte Unart des Spuckens. Die sechs bis acht Spucknäpfe, die in den Gängen stehen, bilden die beständige Zielscheibe der Umstehenden. Die Virtuosität, mit der gespuckt wird, die Treffsicherheit aus erheblicher Entfernung ist allerdings erstaunlich, aber hübsch ist es nicht.
In den Speisewagen isst man gewöhnlich ganz gut und verhältnismäßig nicht zu teuer. Auch hier überbietet die Ausstattung bei weitem die unsrigen. Neben diesen besonderen Speisewagen, dem „Dining Cars“, besteht noch eine Vorrichtung, die den Reisenden gestattet, unterwegs einen Imbiss zu nehmen, ohne den Wagen verlassen zu müssen. Gewöhnlich haben die amerikanischen Stationen keine Wirtschaften; die Bahnrestaurationen sind spärlich auf weite Strecken verteilt und zumeist nicht gut. „Buffet Cars“ nennt man die Wagen, in denen dem Reisenden während der Fahrt Speisen und Getränke verabreicht werden. Ich habe nur einen dieser Buffet Cars kennen gelernt und zwar einen der Wagner’schen „Place Car Company“, auf der Strecke zwischen Chicago und den Niagarafälle und die Erfahrungen, die ich da gemacht habe, sind die aller unangenehmsten gewesen. Für miserabler Verpflegung habe ich wahre Phantompreise zahlen müssen. Für einige Scheiben Schinken, einen kleinen Coniac und etwas Tee wurden mir ganze 12 Mark berechnet. Ursprünglich hatte der schwarze noch 3 Mark mehr verlangt. Er entschuldigte sich für den Additionsfehlers, als ich ihn auf die Schwindelei aufmerksam machte. Und diese Bedienung! Zwischen der Bestellung und der Ausführung lag ein Zeitraum von tatsächlich 3 ¾ Stunden! Um ½ 8Uhr bestellte ich mein Abendessen, um 9 Uhr erlaubte ich mir eine Nachfrage, ob es nicht bald kommen würde, um 10 wurde mir versichert, nun werde es nicht mehr lange dauern, um 11 legte ich mich zu Bett, um ½ 12 kam das Gewünschte. Dabei hatte ich, wohlgemerkt, von der Speisekarte, die ein paar Dutzend Gerichte vorflunkerte, dass Allereinfachste ausgewählt. Die Schuld ist hier übrigens nicht ausschließlich der Traumseligkeit der Bedienung zur Last zu legen. Die ganze Einrichtung ist lächerlich. Die Küche mit Speisekammer hat die Größe eines schmalen Halbcoupé. Der eine Schwarze, der da das Essen zusammenpanscht, die Konservenbüchsen in heißes Wasser stellt, Fleisch aufschneidet u.s.w., soll vierzig hungrige Personen sättigen.
In schroffen Gegensatz zu den amerikanischen Anschauungen werden die meisten Deutschen unseren engen kleinen Schlafwagen den Vorzug vor den amerikanischen geben. In Amerika sind die Betten allerdings sehr viel besser und breiter. Damit sind aber auch die Vorzüge der amerikanischen Schlafwagen – Einrichtung ungefähr erschöpft.
Das System der Kasernierung wird drüben auch für die Schlafwageneinrichtung beibehalten. Zwischen 8 und 9 Uhr beginnt der schwarze Wagendiener den großen Saal in ein Dutzend Separatcabinets umzubauen, die sogenannten „Sections“. In jeder Section ist ein Raum von zwei Betten übereinander. Der Reisende, dem es nicht darauf ankommt, ein paar Dollars mehr zu zahlen, nimmt immer eine ganze Section für sich und in diesen Falle wird das obere Bett nicht heruntergeklappt. Zahlt er aber nur für ein Bett, so wird das obere Bett unnachsichtig herabgelassen, ob nun Jemand darin schläft oder nicht. Der Reisende soll nicht von der Gunst des Zufalls profitieren, sondern soll für die Annehmlichkeit, ein paar Kubikfuß freie Luft über sich zu haben, unbedingt zahlen. Während das Bett hergerichtet wird, muss man irgendwo auf dem Gang herumtreiben und wenn die Ruhestätte bereitet ist, bleibt Einem auch nichts Anderes übrig, als entweder auf dem Gang herumzustehen oder sich sofort ins Bett zu legen. Es ist absolut kein Raum zu weiteren Verweilen irgendwo geschaffen. Der ganze verfügbare Raum der Section wird ausschließlich von den beiden Betten eingenommen und unmittelbar davor der Vorhang zugezogen. Man muss sich also in liegender Stellung entkleiden oder, wenn man die Section allein hat, in kniender. Zur Umwandlung der Tag- in die Nachttoilette gehört eine gewisse Kunstfertigkeit und wo man die Kleidungsstücke, die man ausgezogen hat, unterbringt, bleibt der Findigkeit des Einzelnen überlassen.
Während der für den Schlaf angesetzten Zeit wird der ganze Wagen hermetisch verschlossen. Man kann sich selbst eine Vorstellung davon machen, wie in diesen Raume, in den einige zwanzig Leute etwa acht Stunden ohne die geringste Zuführung von frischer Luft zusammen atmen und ausatmen, wo dicke Stoffe, Teppiche, Forhänge, wollene Decken, Matratzen, massenhaft aufgestapelt sind, die Luft in den vorgeschrittenen Stunden der Nacht und am Morgen beschaffen ist. Dazu kommt noch, dass von den etwa zwanzig Mitschläfern doch wenigstens fünf bis acht schnarchen, husten, sich räuspern. Wenn man sich Alles das vergegenwärtigt, wird man sich selbst fragen müssen, dass die Vereinigung dieser Unannehmlichkeiten den Aufenthalt in einem wenn auch noch so eleganten amerikanischen Schlafwagen mit vortrefflichen Betten doch ziemlich unbehaglich macht.
Die ersten Morgenstunden sind die wenig erfreulichen. Für die ganze Schar der Mitreisenden sind nur zwei Waschtoiletten eingerichtet, eine für die Herren, eine für die Damen. Alle sind genötigt, durch denselben schmalen Gang zwischen den Betten nach diesen Toilettenräume zu steuern. Man sieht da Erscheinungen, die nicht gerade schön sind. Namentlich habe ich mich darüber gewundert, wie die amerikanischen Damen, denen man sonst wohl den Vorwurf macht, dass sie übertrieben eitel seien, sich hier in einem Aufzuge zeigen, der durchaus geeignet ist, die Illusion, die man sich am Tage vorher von der Anmut und Schönheit der interessanten Mitreisenden gemacht hatte, grausam zu zerstören. Hier scheint mir also unser vielgeschmähte deutsches Zellensystem der amerikanischen Gemeinsamkeit vorgezogen werden zu müssen, wenn auch unsere Betten schmaler und unsere Matratzen härter sind.
Mein Urteil ist um so unbefangener, als ich persönlich unter den geschilderten Unannehmlichkeiten so gut wie gar nicht gelitten habe. Bis auf eine kurze Strecke habe ich mit Freunden die ganze große Fahrt in einem herrlichen Privatwagen zurückgelegt, der mir in jeder Beziehung Bequemlichkeiten darbot, von denen sich unsere europäische Reiseweisheit nichts träumen lässt. Ich habe auch der Wahrheit gemäß zu konstatieren, dass selbst die verwöhntesten Amerikaner für alle diese Dinge, die ich als Unannehmlichkeiten bezeichnet habe, eine sehr geringe Empfindlichkeit besitzen, dass sie allesamt ihre Art des Reisens als die allein richtige und angenehme in aufrichtiger Begeisterung preisen und namentlich den Pullmanschen Palastwagen die überschwänglichen Lobsprüche spenden. Ich darf ferner nicht verschweigen, dass das Reisen in Amerika trotz allen, was uns nach unsern Gewohnheiten lästig und unpraktisch erscheint, auch nicht entfernt so stark abspannt und anstrengt, wie das Reisen bei uns. Eine Strecke von vierundzwanzig, sechsunddreißig Stunden wird zurückgelegt, als ob es gar nichts wäre und man verlässt den Wagen gerade so frisch, wie man eingestiegen ist. Ich komme daher zu dem Schluss, den ich zu Anfang dieser Zeilen aufgestellt habe: alle eigentümlichen Einrichtungen eines Landes sind den besonderen Bedingungen dieses Landes am angemessensten ; und vor vorschneller Kritik, die einseitig von den gewohnten Verhältnissen der Heimat ausgeht, muss man, wenn man durch ein fremdes Land reist, immer auf der Hut sein.
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